Reisesteckbrief Japan
Wo das ständig Neue und Verrückte die Tradition niemals verdrängt
Meine Route:
Die beeindruckenste Moment:
Ich blicke aus 450 Metern herab auf Tokyo, auf diese unglaubliche Metropole, über der gerade die Sonne untergeht. Der Himmel verfärbt sich rosa und lila, die Stadt ist grau, aber immer mehr Lichter funkeln mir entgegen. Die Sicht reicht Kilometer weit, bis zum Mount Fuji sogar. Doch egal wohin ich schaue, diese Stadt scheint niemals zu enden. 20 Millionen Menschen sind dort unten. Und irgendwo in diesen Gebäuden, auf die ich nun hinabblicke, verlieben sich Menschen, sterben Menschen, oder werden gerade jetzt, in diesem Augenblick geboren. Der Tokyo Skytree ist der zweithöchste Turm der Welt. Und jetzt gerade bin ich so glücklich, dass er mitten in dieser Stadt steht. Dass er mir erlaubt, mich mitten in Tokyo wie eine Astronautin zu fühlen.
Der verrückteste Moment:

Das ist wohl der, in dem man die Tür zu einer von Japans tausend Spielhallen öffnet. Im gleichen Augenblick ist es ohrenbetäubend laut, ein ständiges Piepsen und Klicken und Dröhnen, definitiv gesundheitsschädigend. In Deutschland wäre dieser Lärmpegel niemals erlaubt. Alles blinkt und blitzt. Aber keiner von den Zockern würde sich jemals ablenken lassen. Sie sind völlig vertieft, in ihre Ballerspiele, ihre Wettrennen und Wettkämpfe. Die Such nach englischen Spielautomaten scheitert zwar. Aber ein paar Pokémon-Fights oder Autorennen bekommt man auch ohne Japanisch-Kenntnisse hin.
Der beste Transport:
Oh man, wie gut ist Zugfahren in Japan bitte? Es sind so viele Kleinigkeiten, die das ganze zu einem so angenehmen Erlebnis machen.
1) Die Türmarkierungen an den Bahnsteigen. Dort stellen sich alle Passagiere brav in einer Reihe auf. Geschubse? Koffer im Weg? Gibt es in Japan nicht. Die Züge halten genau auf der Markierung, und die Passagiere im Zug steigen auf der anderen Seite des Bahnsteiges aus.
2) Es gibt Zugwagons für Reisende mit Platzreservierungen – und Wagons für diejenigen, die keine haben. Niemand muss je wieder aufstehen, weil er auf einem reservierten Platz sitzen. Niemand muss einen anderen von einem Platz verscheuchen. Und das macht eine Reise so viel harmonischer.
3) Die Sitze lassen sich drehen! Niemand muss gegen die Fahrtrichtung fahren. Und wenn, dann entscheidet er sich so – weil er vielleicht lieber seinen Mitreisenden gegenüber sitzen möchte, um sich besser zu enthalten.
4) Die Sauberkeit. An jedem Endbahnhof geht ein kleines Team durch die Abteile und fegt durch den Zug.
5) Das Essen. Japan hat das beste Bahnhofsessen aller Zeiten. Kleine Lunchboxen, sehr liebevoll angerichtet, wahnsinnig lecker. Und für japanische Verhältnisse auch wahnsinnig günstig.
Der einzige Nachteil: Der Preis. Zugfahren ist wirklich, wirklich teuer. Wir hatten einen Japan Railway Pass für Touristen. (mehr Informationen hier) . Der gilt für alle Züge der JR Group – und deckt damit das Land sehr gut ab. Der Pass muss allerdings schon vor Einreise in einem japanischen Reisebüro bestellt werden und ist nicht günstig. Für eine Woche haben wir etwa 240 Euro pro Person bezahlt.
Die übelste Geldverschwendung:
Disneyland Tokyo… Ich war noch nie in Disneyland und dachte, das wäre vielleicht ein schöner Abschluss: Eine Fantasiewelt besuchen in diesem Land, das ja eh immer ein bisschen wirkt wie aus einem Fantasy-Roman. Aber in fünf Stunden Besuch haben wir nicht viel mehr geschafft als eine Attraktion zu besuchen und einen Burger mit Pommes zu essen. Es ist völlig überlaufen, man wartet stundenlang, und für die größten Achterbahnen muss man ohnehin extra zahlen und auch früh Tickets reservieren – um überhaupt anstehen zu dürfen. Never again.
Was ich unterschätzt habe:
Wie fremd Japan ist. Wirklich. Ich war in vielen Ländern, die als ungebildet gelten. Japan ist da ganz anders, Japan ist hochindustrialisiert, hochtechnologisch, und wahnsinnig gebildet. Nur englisch spricht dort niemand. Wirklich, niemand. Und wenn die Menschen es sprechen wollen, dann versteht man sie nicht. Außerdem spürt man, dass viele Japaner Gaijins eher negativ sehen. Sie bringen einem nicht so viel Neugier entgegen, wie in anderen Ländern. Was nicht heißt, dass sie feindlich sind: Jeder ist höflich und hilfsbereit. Aber es ist mir noch nirgendwo so schwer gefallen, dem Gegenüber mitzuteilen, was ich eigentlich will. In den Städten gibt es kaum englische Schilder oder Wegweiser. Japan ist halt für Japaner da, auch die Touristenattraktionen sind vor allem für japanische Touristen. Das ist gut, denn Japan würde sich niemals verstellen, kein Stück. Und irgendwie ist es dann doch eine Ehre, das man als Außenstehender ein Stück dieser verrückten Welt zu begreifen versuchend darf.
Was mich zum Nachdenken gebracht hat:

Ist Hiroshima. Diese Stadt ist zu einem Symbol geworden, für die Grausamkeit von Menschen und die Zerstörungswut von Menschen. Was mich beeindruckt hat ist, wie sehr die Stadt versucht, mehr zu sein als das. Wer in Hiroshima ankommt, der stößt auf eine ganz normale mittelgroße Stadt. Nicht besonders interessant, nicht viel zu bieten bis auf ein paar Einkaufszentren und versteckte Restaurants. Hiroshima hat viel getan, damit die Atombombe das heutige Stadtbild nicht trägt. Es gibt nur einen Ort, an dem sich das Grauen und die Erinnerung aufdrängt und das ist der Friedenspark mit dem Kuppelbau. Das Gebäude ist das einzige, das die Wucht der Atombombe erlebt hat und heute noch steht. Der Großteil der Stadt ist abgebrannt – aber sie bestand auch zum größten Teil aus Holz. Die Betongebäude, die die Explosion überstanden haben, haben die Einwohner nach und nach abgerissen. Bis auf dieses eine Haus.
Wir standen lange davor, sind lange darum herum gewandert und haben uns versucht vorzustellen, wie die Stadt wohl kurz nach der Explosion ausgesehen haben mag. Es ist uns nicht gelungen. Erst in den Museen im Friedenspark wird einem annähernd klar, was die Bombe von Hiroshima bedeutet haben mag. Wenn man die Augenzeugen berichte hört, die Stimmen, die von Feuer und Verbrennung und Verelendenden Körpern sprechen. Es heißt, dass die Alternative zu Hiroshima – ein andauernder Krieg – schlimmer gewesen wäre. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich mag und ich will nicht glauben, dass die größte Gewalt die beste Lösung hervorbringen soll. Ich widerspreche. Man sollte nie vergessen, wie groß das Grauen für Hiroshima wirklich war. Und man darf niemals ignorieren, dass diese Stadt heute trotzdem lebt und Gegenwart schafft. Die Menschen in Hiroshima konnten eines der größten Verbrechen der Menschheit verzeihen. Ich finde, das gibt Hoffnung.
11 Schilder, die erklären, wie großartig Japan wirklich ist
Japan hat Toiletten, die komplizierter sind als Faxgeräte. Und Häschen, die Angst haben, dass du deine Hand einklemmst