Es könnten auch Hagelkörner sein, die da vom Himmel und in das Savannengras fallen. Nein, sagt unser Guide, Schnee! Schnee in Afrika, das gibt es höchstens noch auf dem Kilimanjaro. Und hier, auf über 3000 Metern in den Drakensbergen in Südafrika.
Wir sitzen unter einer Klippe, um uns vor dem eisigen Wind zu schützen. Die Kälte zieht an den Fingerspitzen. Vor uns tut sich der Abgrund auf, und gleich dahinter eine ewigen Wolkendecke. Es fühlt sich an, als hätten wir das Ende dieses Kontinents gefunden.
Es hat uns einiges abverlangt, um hier hin zu kommen, der Sentinel Trail ist nicht ohne. Wir sind auf 2500 Metern gestartet und haben die 600 Höhenmeter bis auf das Plateau in unter drei Stunden geschafft. Der Weg ist teilweise gepflastert und schlängelt sich langsam den Berg entlang. Doch die letzten 300 Meter sind hart, sie führen steil bergauf durch eine Felsklippe, auf allen Vieren klettern wir die Steine hinauf. Die Kanten schneiden in die kalten Hände.

Oben auf dem Plateau schneidet der Wind. Gestern lag die Windgeschwindigkeit noch bei über 80 Kilometer die Stunde, kein Wanderwetter. Heute sind es angeblich nur um die 40 Stundenkilometer.
Wir lassen den Gipfel des Sentinel hinter uns, wie er über Wind und Wolken aufragt. Durch das Savannengras wandern wir die Klippe entlang zu dem zweiten Grund, warum wir hier sind: die Tugela Falls, mit 948 Metern die zweithöchsten Wasserfälle der Welt.

In dem Flusslauf kann man im Sommer gut baden, jetzt, im afrikanischen Winter, ist der Bach zugefroren. Eis neben gelben, dürrem Gras. Es wirkt surreal. Im Sommer ist das Gras grün und saftig. Wenn der Sommerregen kommt führt auch der Wasserfall das meiste Wasser. Wir sehen den 850 Meter tiefen Abgrund nicht, nur das ewige Wolkenmeer.

Auf der anderen Seite des Plateaus zeigt sich der Abgrund dafür mit erschreckender Deutlichkeit. Wir müssen darunter, an Kettenleitern die steilen Felsen entlang. Es gibt eine Spaßleiter, die schon klimpert und den Abstieg musikalisch begleitet, erklärt unser Guide. Und eine unspaßige, die fest an der Felsenwand anliegt. Für Menschen, die gar keinen Spaß mögen, hat er noch ein Seil dabei, um sie zusätzlich abzusichern. Das Seil ist wohl auch die beste Wahl für Menschen, die zu tollpatschig sind und täglich mehrfach über ihre Füße stolpern und vielleicht nicht 40 Meter in die Tiefe klettern sollten, während der Wind an ihnen zerrt, denke ich mir. Kein Spaß für schusselige Menschen.


Unten angekommen, zittern die Knie. Wir nähern uns wieder dem Pflasterweg, und damit kommen wir Schritt für Schritt auch dem Parkplatz näher. Da schweben auf einmal wieder weiße Körner vom Himmel. Es sind vereinzelte Flocken. Sie fallen auf die Felsen und schmelzen sofort. Als hätte es Schnee in Afrika niemals gegeben.