Es sind beim Reisen meist nicht die Orte, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es sind die Menschen, die man dort trifft, und ihre Geschichten.

Thabo braucht eine Mitfahrgelegenheit nach Lesotho. Er hat seine Kindheit dort verbracht, in einem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Zu diesem Haus will er jetzt reisen. Thabo hatte schon einen Bus gebucht. Aber der ist teuer und mit langen Umsteigezeiten verbunden. „Wenn ihr fahrt, könnt ihr mich mitnehmen?“, fragt er. „Nur bis zur Grenze, dann nehme ich einen Bus.“
Es kommt anders. Thabo begleitet uns nicht nur ein paar Stunden, sondern einen ganzen Tag. Er meistert mit uns abenteuerliche Bergstraßen, hinein in die vielleicht verlassensten Ecken Lesotho’s. Er wandert mit uns durch schneebedeckte Felder und fragt in jedem Dorf nach, damit wir unser Ziel überhaupt finden. Und dabei erzählt er uns seine Lebensgeschichte.
Thabo ist Südafrikaner, geboren zur Zeit der Apartheid. Sein Vater mochte das südafrikanische Schulsystem nicht, dass Schwarze nur zu Bergarbeitern und Servicekräften ausbildet. Also zog er mit seiner Familie nach Lesotho. Die ersten Jahre lebt Thabo in einer Hütte, ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Nach ein paar Jahren baut sein Vater ein richtiges Haus. Es ist seine Heimat.
Doch Thabo verbringt dort heute nur noch wenige Tage im Jahr. Er lebt heute in Saudi-Arabien. Wie kommt ein Junge aus Lesotho nach Saudi-Arabien? Thabo lacht.
Er hatte in seinem Leben viele Jobs, sagt er. Er hat in Südafrika als Bankangestellter gearbeitet, und als Fahrlehrer. „Dann bin ich mit über 50 Jahren noch mal zur Universität gegangen“, sagt er, um Lehrer zu werden. „Hätte ich gewusst, wie gerne ich mit Kindern arbeite, hätte ich das mein ganzes Leben gemacht!“
Wir kommen am Grenzübergang an. Erst jetzt realisiert Thabo, dass hier keine Busse fahren. Aber es ist noch früh. „Macht nix, ich komme weiter mit“, sagt er. „Ich frage dann in der nächsten Stadt nach.“
Er beruhigt uns mit Fahrlehrerstimme, als unser Auto über die steilen Schotterstraßen Lesothos rattert. Und erzählt weiter. Thabo sucht einen Job an einer Grundschule in Südafrika. Und findet auch einen. Doch die Schuldirektion erklärt ihm: Du bist fremd hier. Wenn du den Job willst, musst du dafür schon zahlen. „Überall Korruption. Ganz Südafrika ist verseucht davon“, schimpft Thabo. Er will nicht zahlen.
Nach einer Weile gibt die Schuldirektion nach und stellt Thabo ein. Doch nach einem Jahr fangen sie an, ihm zu drohen. Thabo will immer noch nicht zahlen. Dann findet er sein Auto mit zerstochenen Reifen vor.
Er sucht im Internet nach einem Job als Englischlehrer. Und findet ihn mitten in den staubigen Wüstenstädten Saudi-Arabiens. Thabo mag es dort nicht besonders. Und er unterrichtet dort Erwachsene, keine Kinder. Aber das Geld ist gut, niemand droht ihm. Und in den Ferien fährt er wieder nach Südafrika, entspannt dort in kleinen Backpackerunterkünften am Strand. Und nimmt das Leben, wie es kommt.
Erst nach weiteren zwei Stunden Fahrt wird Thabo klar, dass keine größere Stadt mehr auf unserer Route liegt. Dass wir wirklich in einem traditionellen Dorf übernachten wollen, ohne Strom. „Ein Ausflug in meine Kindheit“, lacht er. Er lässt seinen Koffer in unserem Auto und stiefelt mit uns durch den Schnee den Berg hinauf. Kaum im Dorf angekommen, verabschiedet er sich wieder. „Der Bus kommt morgen früh um fünf Uhr im nächsten Dorf, ich breche lieber auf.“
Am übernächsten Tag schreibt er uns eine E-Mail. Er ist um neun Uhr abends in seinem Haus angekommen, einen ganzen Tag später als geplant. „Dankeschön für die Fahrt und für die wundervolle Erfahrung!“, schreibt er.