Tag 101: Seeüberquerung afrikanischer Art. Mit der Ilala-Fähre über den Lake Malawi

Es ist halb ein Uhr nachts, als wir ins Wasser waten. Das kleine Boot, das uns zur Fähre bringen soll, ist schon voll beladen, mit Menschen, mit Koffern und Kartons. Wir versuchen unsere Rucksäcke einigermaßen sicher auf den Koffern zu stapeln, und klettern selbst an Bord. Im Boot steht noch Wasser, eine einsame Zwiebel schwimmt zwischen der Ladung umher, wahrscheinlich ein Überbleibsel der vorherigen Fahrt. Irgendwer stapelt eine Gitarre und einen Rucksack auf meinen Beinen. Dann schieben uns die Menschen am Strand tiefer ins Wasser, der Motor startet, wir steuern auf die Fähre zu.

Die Ilala-Fähre ist die Lebensader des Lake Malawi. Sie verbindet den Norden mit dem Süden, die Inseln im See mit dem Festland. Einmal in der Woche fährt sie von Süd nach Nord und zurück. Für die Inselbewohner ist die alte (Baujahr 1949) und eigentlich viel zu kleine Fähre die einzige Möglichkeit, Matratzen, Möbel, Nahrung und andere Besorgungen zu transportieren. Oder ihren Fisch zu verkaufen. Ohne die Illala wären sie angeschnitten vom Rest des Landes. Die Charterflüge, die Touristen zum einzigen Luxusressort auf Likoma bringen, können sie sich nicht leisten.

Wir uns auch nicht. Und wollen wir auch nicht. Die Fahrt mit der Ilala ist Anstrengung und Abenteuer, vor allem aber ist sie für mich eine Lehrstunde über diesen See, seine Bevölkerung und ihren Alltag.

Wie die meisten Häfen hat Likoma keinen Pier, die kleinen Boote bringen jede Frachtladung an Bord, jeden Passagier an Land. Oder zumindest bis ins seichte Wasser. Von da aus müssen sie durchs Wasser laufen. Wer will, kann sich für 100 Kwacha (12 Cent) auf den Schultern der Dorfbewohner an Land tragen lassen.

Wir kannten das Prozedere schon von unserer Ankunft in Likoma, fünf Tage zuvor. Aber da sind wir bei Tageslicht durch das hüfthohe Wasser gestampft und wussten, dass im Hostel eine Dusche auf uns wartet. In der Dunkelheit der Nacht wird die Fahrt auf einmal doch eher anstrengend als aufregend.

Unser Boot hält neben der Fähre an, im Rhythmus der Wellen schlägt es gegen den Stahlkahn. Wir müssen eine Leiter hochklettern, um an Bord zu kommen. Im Gang versperren Menschenmassen und Säcke voller Fisch und Mais den Weg. Von irgendwo greifen Hände nach unserem Rucksäcken und ziehen sie an Bord. Irgendwer hilft uns dabei, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Sie warten drauf, dass sie auf unser Boot klettern können und endlich wieder an Land zu können. Schließlich hat die Fähre schlappe 13 Stunden Verspätung. Die Fähre hatte ein Problem, Mitarbeiter mussten erst ein Ersatzteil aus Blantyre im Süden des Landes besorgen, erklärt mir der Kapitän später.

Wir stolpern durch das schummrige Licht über Beine und Rucksäcke hinweg. In der dritten und zweiten Klasse schlafen die Menschen auf dem Gang, zugedeckt mit Stofftüchern, zwischen Kartons und Koffern. Es gibt ein paar Kabinen, aber die sind klein, stickig und für die Bevölkerung hier zu teuer. Wir haben erste Klasse gebucht und schlafen auf dem Deck, unter freiem Himmel, aber mit wesentlich mehr Platz und ohne Cargo. Wir suchen uns eine Nische, bauen mit unseren Rucksäcken ein Ford, und breiten Matratze und Schlafsack aus. Die Fähre wiegt sanft, der Motor tuckert leise, die Sterne leuchten. Ich schlafe fast sofort ein.

Es schläft sich bemerkenswert gut auf dem Deck, zumindest bei ruhigem Seegang. Auf der Hinfahrt habe ich die Ausfahrt aus dem Hafen einfach verschlafen. Als uns diesmal die Sonne um 5 Uhr weckt, haben wir uns noch nicht bewegt. Die Crew ist immer noch damit beschäftigt, Cargo aufs Schiff zu laden.

Es gibt Frühstück im Salon, einem kleinen, stickigen Raum mit ein paar Holztischen und fleckigen Tischdecken. Für 1,90 Euro bekomme ich Toast mit Marmelade und Margarine, dazu koffeinfreien Instantkaffee mit Milchpulver. Wir verbringen den Rest der Fahrt im Schatten an der Bar, wir lesen, scherzen mit den Angestellten. Wir spielen Bao, ein Brettspiel, bei dem man die Murmeln oder Samen des Gegners stehlen muss. Einheimische kommentieren jeden unserer Züge, meistens mit einem „Nooo“ und Kopfschütteln. Trotzdem besiege ich, eine Muzungu, einen Einheimischen. Das sorgt für Gelächter an der Bar.

Um 14.30 Uhr erreichen wir mit 14 Stunden Verspätung Nhkata Bay, unseren Zielhafen. Diesmal gibt es einen Pier. Es dauert eine halbe Stunde, bis sich die Passagiere durch die Gänge zum einzigen Ausgang geschoben haben. Aber ich bin trotzdem froh, als ich den Metallsteg hochklettere. Lieber warten als nochmal zu waten.

Ilala-Fähre

Preise: 1. Klasse von Likoma nach Nhkata Bay 7600 Kwacha. Einfaches Frühstück an Bord 1900 Kwacha. Salat mit Pommes 1800 Kwacha. Cola 350 Kwacha.

Zeiten: Meistens verspätet. Mit Informationen zum Fahrplan können Mango Drift in Likoma oder Butterfly Space in Nhkata Bay weiterhelfen.

Do’s: Schlafsack, Wasser, Snacks, Sonnenschutz (es gibt wenig Schatten), Buch oder Spiele mitbringen. Bao hat wirklich Spaß gemacht. Auf Erkundungstour gehen und dem Kapitän einen Besuch abstatten.

Dont’s: Versuchen, als erster von oder an Bord zu gehen. Die ersten Boote sind viel zu überladen. Oder es gibt Gedrängel. Dann lieber ein halbes Stündchen warten.

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