Im Gombe Nationalpark begeben wir auf den Spuren der Schimpansen. Hier fand Jane Goodall heraus, dass diese Affen dem Menschen ähnlicher sind, als wir uns je hätten vorstellen können.
Wir hören die Schimpansen, bevor wir sie sehen. Ihre Uh-Uh-Uhs schallen durch den Regenwald. „Sie sind ganz in der Nähe“, sagt Isaya, unser Guide. Es ist feucht und warm, der Schweiß rinnt mir ins Gesicht. Wir kämpfen uns die letzten Meter den Berg hinauf, unter Lianen und Baumstämmen hindurch. Und blicken in den Baum.
Schimpansen sitzen, liegen, klettern auf jedem Ast, zu viele, um sie zu zählen. Nicht dass ich sie zählen wollte. Ich starre nur auf die Affen, wie sie vor dem Wolkenhimmel herumklettern. Sie blicken lässig auf uns hinunter und sich von unserer Anwesenheit nicht stören.
Es gibt keinen besseren Ort, über Schimpansen zu lernen, als den Gombe Nationalpark. Im Westen Tanzanias, an der Küste des Tanganyika Sees, hat Jane Goodall geforscht – und Geschichte geschrieben. Goodall lebte neben den Schimpansen, und sogar mit ihnen. 22 Monate lang war sie Teil eines Rudels. Und hat dabei mit ihren Beobachtungen und Erkenntnissen das Verständnis vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier auf den Kopf gestellt.
Schimpansen sind die Tiere, die dem Menschen am ähnlichsten sind. Wir teilen 98 Prozent unseres Erbgutes. Heißt das, wenn man etwas über Schimpansen lernt, lernt man dabei auch etwas über den Menschen?
Die Schimpansen vor uns im Baum scheinen auf jeden Fall sehr menschenähnlich. Sie spielen, sie chillen, sie kuscheln, eine Mutter säugt ihr Junges, ein Affe – Gimli – kratzt sich am Sack.
Jane Goodall begann ihre Forschung in Gombe 1960. Jeden Morgen kletterte sie auf einen Hügel, um die Familien zu erspäen und ihnen zu folgen. Es funktioniert nicht wirklich gut. Also entschlossen sich die Forscher, die Schimpansen zu füttern, um ihnen näher zu kommen. Die Fütterung gibt es schon lange nicht mehr. Aber sie führte dazu, dass die Schimpansen hier heute Menschen gewöhnt sind.
Eine Stunde haben wir mit den Schimpansen, nur beobachten. Der Mundschutz ist Pflicht, um sie vor Krankheiten zu schützen. Das ist der Deal. Dafür muss man locker 170 bis 300 Dollar als Budget einplanen. Nur wenige Touristen kommen deshalb nach Gombe. Der Park ist zu abgelegen, die Anfahrt mit dem Boot zu kompliziert – und teuer noch dazu.
Aber ich fühle mich, als würde ich nicht nur Tiere beobachten, sondern auf den Spuren der Geschichte wandern. Auf Jane Goodalls Spuren. Sie gab den Schimpansen hier ihre ersten Namen. Das war ihr erster Faux-Pas aus der damaligen wissenschaftlichen Sicht: Sie unterstellte den Tieren eine Persönlichkeit.
Ihr zweiter Tabubruch war folgenschwerer. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Werkzeuge gebraucht. So lautete die wissenschaftliche Definition – bis Jane Goodalls Forschung das Gegenteil bewies: Auch Schimpansen benutzen Werkzeuge.Ein paar Minuten später erleben wir was das heißt: Plötzlich schwingen sich alle Schimpansen vom Baum hinab. Ein lautes Rufen des Alpha-Männchens hat den Aufbruch eingeläutet. Die Männer gehen vor, dann der Rest, die Kleinen spielen noch weiter, bis ihre Mutter sie noch mal ruft.
Wir spüren einige Minuten später einen kleinen Teil der Gruppe ein paar hundert Meter weiter unten an einem Termitenhügel wieder auf. Dort sitzt Gimli, und stochert mit einem Stock im Termitenhügel herum. „Sie sind fischen gegangen“, sagt Isaya, unser Guide. „Sie fischen nach Termiten.“ Gimli zieht seinen Stock wieder heraus, knabbert an ihm herum.
Als die Forscher die Schimpansen mit Bananen fütterten, änderte sich ihr Verhalten schnell. Statt im Wald nach neuen Futterquellen zu suchen, kamen sie jeden Tag zur Futterstelle zurück. Sie lebten in größeren Gruppen zusammen. Und wo sonst Kraft und Größe über die Stellung in der Gruppe entschied, bekam auf einmal Intelligenz eine wichtigere Rolle. Die Affen, die die Menschen und Maschinen auszutricksen wussten und mehr Bananen ergattern konnten, stiegen in der Hierarchie auf.
Ich muss an Maslows Bedürfnispyramide denken: Die Forscher sorgten für Nahrung, auch für Sicherheit. Und auf einmal veränderten sich die sozialen Gefüge, die Schimpansen lebten auf einmal in größeren Gesellschaften. Nicht mehr nur als Familie.Aber sie wurden auch brutaler. Wenn Paviane den Schimpansen und ihren Bananen zu nahe kamen, töteten sie deren Jungen und essen sie. Und dort, an der Futterstation, beobachteten die Forscher, wie eine Mutter das Junge einer anderen tötete.“Plötzlich fanden wir heraus, das Schimpansen brutal sein können. Dass ihre Natur – wie unsere – eine dunkle Seite hat”, schrieb Jane Goodall selbst. Andere Wissenschaftler warfen ihr vor: Vielleicht war sie es, die diese dunkle Seite durch die Fütterung erst provoziert hat. Aber noch heute machen die Schimpansen in Gombe regelmäßig Jagd auf die kleineren Roten Colobus-Affen.
Wir erleben die dunkle Seite der Schimpansen an diesem Tag nicht. Nur ihre Intelligenz. Gimli scheint mit seiner Angel nicht zufrieden. Er schwingt sich an ans uns vorbei zum nächsten Baum, holt sich eine grüne, dünne Liane und lässt sich wieder an seinem Platz auf dem Hügel nieder. Er zupft die Blätter von seiner neuen Angel ab und taucht sie ins unterirdische Termitenmeer. Hinter ihm tollt Gabo über den Hügel, seine Mama Geri schaut ihm nur hinterher.
Ein Donnergrollen reißt uns aus dem Moment heraus. Tropfen fallen. Erst wenige. Dann immer mehr. Gimli, Geri und Gabo lassen sich nicht stören. Das Blätterdach hält den meisten Regen ab. Aber wir holen unsere Regenjacken heraus, und machen uns auf den nassen, rutschigen Rückweg. Als wir zwei Stunden später am Parkeingang wieder ankommen, ist meine Hose vollgesogen, in meinen Schuhen steht das Wasser.
Der Mensch ist nur zu 98 Prozent Schimpanse. Und ich fühle mich, als sei es bei Regen noch ein bisschen weniger.
Anfahrt: Nur per Boot möglich.
Kosten: Hängt von Aufenthaltsdauer und Bootspreis ab. Wir haben 24 Stunden Parkeintritt gezahlt (118 Dollar pro Person), den Guide (24 Dollar pro Gruppe), und die Bootsfahrt von Kigoma und zurück (150 Dollar pro Gruppe, wir haben aber auch gut verhandelt). Wir waren nur zu zweit, damit waren es für mich genau 200 Dollar.
Wer sparen will, braucht mehr Personen. Aber Kigoma ist nicht wirklich touristisch, deshalb lohnt es sich vorab schon mal herumzufragen oder die großen Hotels anzufragen, ob man dort sich einem Boot und einer Gruppe anschließen kann.
Es gibt auch ein Wassertaxi ab Kigoma, das jeden Tag um 12 Uhr fährt und um 16 Uhr in Gombe ankommt. Allerdings sind die Taxis oft überfüllt, langsam und unbequem. Und die Fahrtzeiten zwingen einen dazu, mindestens 48 Stunden in Gombe zu bleiben, was die Kosten enorm steigert. Wer über Nacht bleiben will, zahlt mindestens 24 Dollar pro Person für die Übernachtung.
Mitbringen: Kamera, Teleobjektiv, Regenkleidung, Schwimmsachen (zum abkühlen nach der Wanderung, man kann auch Schnorcheln), eventuell eigene Verpflegung (vor Ort teuer)